Bens Buch Ungleichzeitigkeit ist erschienen und auf allen relevanten Kanälen erhältlich. Ich hatte die große Ehre das Vorwort beitragen zu dürfen.


I.

Im Jahr 1980 strahlte PBS erstmalig die Serie Cosmos mit Carl Sagan aus, seines Zeichens Astronom, Astrophysiker, Exobiologe, Fernsehmoderator, Sachbuchautor und Schriftsteller. Das Ziel von Cosmos war es, Laien komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln. Zur Entstehung des Universums, aber auch der Besiedlung des Mars, oder das anstehende Informationszeitalter. Die Inhalte waren also nicht nur mit ihrer heutigen Aktualität ihrer Zeit weit voraus, auch Sagan lag mit seinen Prophezeiungen über das Postfaktische Zeitalter und dessen Konsequenzen sehr früh sehr richtig.

Jedenfalls formulierte er in Cosmos treffend: „Wir können unseren Fortschritt beurteilen anhand des Muts unserer Fragen und der Tiefe unserer Antworten, und unseres Willens zu akzeptieren was wahr ist, anstelle dessen, was sich gut anfühlt.“

Ben selbst formuliert es wie folgt: „Wer sich nicht regelmäßig kognitiver Reibung aussetzt, verliert die Fähigkeit zur Orientierung. Komfort ist epistemologisch tödlich.“

II.

Wenn Ben uns durch das Kosmische, das Planetare, das Globale - die Unterscheidung wird so einleuchtend wie notwendig -, bis hin zum Menschlichen mitnimmt, dann beschreibt er pointiert Zustände, deren Beobachtung sich wahrlich nicht gut anfühlt. Das zeichnet Bens Kanon „Ungleichzeitigkeit“ aus: Er beschreibt. Er lädt den Leser ein, ihn zu begleiten, und er stellt dar, was wir zu den aktuellen Herausforderungen wissen könnten, wenn wir uns ihnen mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und Tiefe näherten. Hier liegt der Unterschied zu Sagans Produktion: anstelle linearen Fernsehens steht uns mit dem Internet der Zugang zum gegenwärtigen Stand der Wissenschaft offen, wenn wir ihn nutzten.

III.

Klischeehaft wirkt Mark Twains Zitat von der Geschichte, die sich nicht wiederholt, die sich jedoch reimt. Das macht eine Rückschau so wertvoll. Der rote Faden von Ungleichzeitigkeit ist das Neo-Mittelalter. Bei der vorangehend erwähnten Reise kontextualisiert Ben die Zustände und Phänomene mit Blick darauf, was schon war, und was wir als überwunden und verarbeitet geglaubt haben. Doch Aufklärung und Moderne schwingen um und reimen sich auf das, was im Mittelalter vorherrschte. Damit erhalten wir Sprachfähigkeit und Zugriff auf Konzepte, auf Sackgassen und Auswege, auf das, was eine Neo-Aufklärung einleiten könnte. Zeitzeugen des Mittelalters haben wir keine mehr, stattdessen müssen wir zurückgreifen auf eine Geschichte, die von den Siegern geschrieben wurde. In unseren aktuellen Jahren, in denen die letzten Zeitzeugen von Holocaust und Nazi-Herrschaft nach und nach aus dem gesellschaftlichen Erinnerungsdiskurs ausscheiden, erinnert Ben: „Der radikalste Akt ist manchmal: sich erinnern.“

IV.

Ich hatte das Privileg Ben kennenzulernen, als ich selbst den in diesem Werk aufgrund seiner Bedeutung mehrfach erwähnten OODA-Loop recherchierte. Ben kuratiert die deutschsprachige Anlaufstelle zu diesem Thema, und in unseren seither regelmäßigen Austauschen landen wir bei der Diskussion um Zeitgeschehen und die zugrunde liegende Komplexität regelmäßig mit einem Augenzwinkern bei der unterkomplexen Feststellung „Alles ist Alles“. Den wahren Kern davon präsentiert Ben hier mit dem angemessenen Anspruch, einer horizontserweiternden Breite, und doch auch einer Tiefe, die verdeutlicht, dass nicht der Teufel im Detail steckt, sondern zuerst Problemverständnis und dann Lösungsansätze.

V.

Das Mittelalter war wahrlich keine schöne Epoche. Das Neomittelalter schickt sich an, in diese Fußstapfen zu treten. Kein Kant, kein sapere aude, das nicht vom Algorithmus geschluckt oder ge-false-balanced würde. Und überhaupt: die Unfähigkeit unseres Verstandes - der, hier war die Aufklärung mit dem cartesianischen Dualismus noch nicht weit genug, nicht nur im Kopf sitzt - mit der Komplexität unserer Umwelt, mit der totalen Vernetzung und den daraus resultierenden Konsequenzen, umgehen zu können, ist auf der Ebene des Individuums die zentrale Frage von Ungleichzeitigkeit. Dieses Werk schließt mit einer Handreichung, mit einem Ansatz zum Umgang mit, zur Beantwortung dieser Frage: einem klugen „Trotzdem“.