Eine Tirade
So gut wie jeder Zustand, der es Wert ist diskutiert zu werden, ist Emergenz komplexer Systeme. Das macht Diskussionen so anspruchsvoll und verleitet dazu unter-komplex zu werden. Das Folgende ist ein kurzer Essay - ein Versuch - Elemente hervorzuheben, ohne den Anspruch an unerreichbare Vollständigkeit des Elements, aber mit dem Anspruch redlicher Darstellung.
Fukuyamas „Ende der Geschichte“ ist noch lange nicht gekommen und entgegen Pinkers Thesen haben wir auch nicht die friedlichste Epoche der Menschheitsgeschichte erreicht.
Gleichwohl leben wir in Deutschland seit über 80 Jahren im Frieden1. Wir genießen einen Lebensstandard und eine individuelle Freiheit, die sich weltweit in der Spitzengruppe befindet.
Damit einhergeht allerdings, dass wir viele Konzepte, die einst unmittelbar und im gesellschaftlichen Zusammenleben für jeden einzelnen präsent und erlebbar waren, nicht mehr vorhanden sind. Insbesondere in einer ehrlichen Reflexion mit Blick darauf, was immer noch Realität in anderen Teilen der Welt ist, haben Begriffe ihre Bedeutung verloren. Jedes Vakuum will gefüllt werden, also begannen (Kultur)Kämpfe darum, was die Worte jetzt bedeuten.
Auffallend - und ohne Anspruch an Vollständigkeit - sind die folgenden Beispiele:
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Gewalt: Deutsche Soldaten haben erstmalig wieder 1999 im Rahmen eines NATO-Mandats an Kampfeinsätzen im Ausland teilgenommen. „Zu Hause“ ist der Krieg seit 1945 vorbei, und auch die Nachkriegsjahre werden durch das Wirtschaftswunder-Narrativ verklärt. Kriegsversehrte und Alt-Kader sind beständig aus der öffentlichen Wahrnehmung weggestorben. Das Gewaltmonopol des Staates wurde als hohes Gut gelebt und mit dem Recht auf gewaltfreie Erziehung mussten 2000 auch Eltern die letzte Bastion nicht staatlicher, legitimierter Gewalt abgeben. Das hat dazu geführt, dass der enge soziologische Gewaltbegriff2, und auch die „juristische Gewalt“3 verdrängt wurden, durch immer mehr individuumsbezogene, weitere Interpretationen von Ereignissen und Erlebnissen, die als „Gewalt“ bezeichnet werden. Damit ist uns gesellschaftlich ein gemeinsames Verständnis abhanden gekommen, und wir sehen uns nicht mehr in der Lage „Gewalt“ in den ursprünglicheren Sinnen einzuordnen, wenn wir sie sehen, geschweige denn sollten wir sie gesellschaftlich erneut erleben.
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Krieg: Die inflationäre Nutzung des Begriffs „Krieg“ oder „kriegsähnlicher Zustände“. 2009 / 2010 erregte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Aufmerksamkeit als er formulierte, dass “man umgangssprachlich von Krieg sprechen könne“ - mit Blick auf Gefechte deutscher Truppen im Rahmen der Afghanistanmission. Heute werden derartige Vergleiche („Das sind kriegsähnliche Zustände“4) von Medien wiedergegeben wenn über mehrtägige - durchaus katastrophale und untragbare - Stromausfälle in der deutschen Hauptstadt geschrieben wird.
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Armut: Es gibt in Deutschland Leid aufgrund unzureichender finanzieller Mittel. Die Armutsdefinition (von “Armutsgefährdung” spricht man, sobald weniger als 60% des mittleren Nettoeinkommens der Bevölkerung zur Verfügung stehen) ist wichtig, um auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen. Darauf, dass das Versprechen von Chancengleichzeit hinter der Realität her-hinkt, und darauf, dass bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen eben nicht der Markt regeln kann. Allerdings muss es wie Hohn wirken auf die Armen des globalen Südens. Armut, die (finanziell) international definiert wird als kaufkraftbereinigte Verfügungshoheit über 2,15 US-Dollar pro Tag. Die Milliarden, die mit weniger überleben müssen und in sozialen Strukturen leben, die klimatischen Auswirkungen gegenüber noch wesentlich anfälliger sind, und wo kein soziales oder staatliches Sicherungssystem die Auswirkungen puffert oder, wie eine gesetzliche Krankenversicherung und ein Gesundheitssystem, bei indivduellen Krisen unterstützt.5
Neben der natürlichen Konsequenz das Vakuum zu füllen wird klar, warum diese emotional so aufgeladenen Begriffe von Interessengruppen belegt werden, und um die Interpretationshoheit gerungen wird. Im ersten Schritt Cognitive Capture, kognitive Vereinnahmung. Outrage, Entrüstung lenkt und fesselt unsere Aufmerksamkeit. Mit der emotionalen Aufladung ist klar, dass man „gegen“ den Zustand zu sein hat, und in diesem Moment erlangt die Interessengruppe Macht: schließlich wurde gerade die Situation dargelegt, die Realität abgesteckt, und - „jemand müsste doch mal was tun“ - der Handlungsanspruch (der anderen)6 abgeleitet.
Wir sind unvorbereitet, wenn das, was wir historischerweise, im engeren Sinne, unter diesen Begriffen verstehen nun erleben.
- Jugend- und Messergewalttaten nehmen zu: wir tun gut daran, ehrliche Debatten darüber zu führen, welches die Ursachen (und nicht die Korrelationen in der Täterschaft) sind, um diese anzugehen. Und wir müssen dabei einsehen, dass jede Klinge dauerhaftere und unmittelbarere Folgen hat als jede Mikroaggression oder “verbale Gewalt“7.
- Mit hybrider Kriegsführung, d.h. unter anderem Angriffen auf unsere kritische Infrastruktur konfrontiert sehen wir uns nicht in der Lage diese als Angriffe auf unsere Souveränität zu verstehen, und Landesverteidigung durchzuführen. Drohnen kreisen, Schiffe ziehen Anker durch Datenleitungen, und False-Flag-Operationen beeinflussen die politische Realität.
- Diskussionen über Armut und Armutsbedrohung lenken von strukturellen Einflussfaktoren ab, die dazu führen, dass Menschen in Deutschland staatliche Angebote kaum annehmen können, und dass zunehmend Bevölkerungsgruppen in die gewählte Armutsdefinition zu fallen drohen. Wieder geht es um Symptome, statt um Ursachen.
Die Aufzählung ist - natürlich - nicht vollständig. Ob es eine Lösung gibt? Vermutlich nicht, und wenn, keine Einfache. Gleichwohl gebietet es unser Anspruch an Fortschritt, von dem wir im aktuellen Zustand so sehr profitieren, unterkomplexe Parolen und eine Resignation zu vermeiden.
Wie Candide so schön sagte: wir müssen eben unseren Garten bestellen.
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Die gegenwärtigen hybriden Angriffe ausgenommen. ↩︎
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Bspw. nach Popitz: „Machtaktion, die zur Verletzung führt“. ↩︎
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„Körperliche Kraftentfaltung, die zu einer physisch wirkenden Zwangslage führt, um geleisteten oder erwarteten Widerstand zu überwinden“, BGH, BVerfG. ↩︎
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Zeit Online: “Der Schleier zwischen Normalität und Krise ist dünn“. ↩︎
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Neben der rein finanziellen Definition gibt es auch eine multidimensionale Definition der Vereinten Nationen. ↩︎
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Dazu ein anderes Mal separat. ↩︎
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Verbale Grenzüberschreitungen als Ermöglicher für reale Gewalt, bspw. „Stochastischer Terrorismus“ sind als Ursache von Gewalt mit zu adressieren. ↩︎